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Ein außergewöhnliches Konzert, in vielerlei Hinsicht. Bibliotheken, Kleinkunstbühnen,
Kulturzentren gehören sonst zu den Veranstaltern seiner Konzerte; diesmal
findet es seinen Platz als Abschluß eines Volkshochschulprogramms zum
Europäischen Sprachenjahr 2001. Eigene Plakate, sicher, aber wer hat nach
einem ganzen Tag mit chinesischer Kalligrafie und englischem Theater noch
Nerv für irische Songs & Lyrik? Wird er Schlußlicht oder Höhepunkt sein?
Klaus Landau weiß es nicht. Draußen geht ein warmer, sonniger Maitag zu
Ende.
Außergewöhnlich auch die Räumlichkeiten: ein “Aula” genannter Pausenhof
mitten im modernen Glas-Metall- Komplex, Fenstergiebel als Oberlicht und
eine Freitreppe für zusätzliche Sitzplätze, im Hintergrund eine Turnhalle,
in der Basketballer trainieren. Aber die Akustik ist gut, und angesichts
diverser Kinderspielecken in Büchereien, die man ihm schon fürs Musikmachen
freigeräumt hat, will Landau sich nicht beklagen. Vom Buffet riecht der
Knoblauch herüber, mithilfe zweier Pintafeln versucht Landau, halbwegs
eine Bühne zustandezubringen. Allmählich entsteht das vertraute Bild:
die gemalte Weltkugel im Hintergrund; der Rattanhocker; der Notenständer
davor, über den eine orangeweißgrüne Flagge gehängt ist; ein schwarz gedeckter
Tisch, auf dem Manuskripte bereitliegen; die Gitarre im Ständer und daneben
die runde ziegenfellbespannte Trommel, die Bodhrán, vermutlich der erste
Stirnrunzler fürs sich sammelnde Publikum.
Außergewöhnlich auch die Zuhörer. Nur knapp dreißig Leutchen finden sich
in der Grundschule bei Nürnberg ein, davon über die Hälfte weiblichen
Geschlechts, der Altersdurchschnitt liegt deutlich über vierzig, man sieht
Lehrer und Lehrerinnen, ältere Damen in Bluse und Rock, jüngere in T-Shirt
und Turnschuhen, ältere Herren mit Kulturdurst, kurz: ein typisches Volkshochschul-
und ein ganz und gar nicht typisches Klaus-Landau-Publikum. “Das fällt
unter die Minusrekorde”, meint Landau gänzlich unenttäuscht, “ich hatte
auch schon über hundert.” Die Wartezeit verbringt man mit Plaudereien
und letzten Kreuzen auf den Europaquizbögen, das leise Bienengemurmel
angeregt-erwartungsvoller Selbstzufriedenheit füllt die Aula. Rasch beugt
sich die emsige Veranstaltungsleiterin noch einmal her und fragt mit neckisch-scheuem
Lächeln: “Sind Sie ein Barde?”
Ein Barde? Romantischer Gedanke!
Gibt es denn heute noch Barden? Sollte Landau Überlebender eines vergehenden
Geschlechts sein? Wir werden sehen.
“Ceád mile faulte! Hunderttausend Willkommen!” Klaus Landau in schwarzen
Jeans und orangefarbenem Hemd, mit Ohrring und Stoppelhaar, könnte tatsächlich
einen Barden abgeben. So einen Typus trifft man zuweilen in den Pubs an
Irlands Westküste. Ein paar Scherze zum Einstieg und um das Eis zu brechen:
so findet die Weltkugel ihre praktische Verwendung. Landau plaudert aus
dem Nähkästchen, ironisch, eloquent, unterlegt von sachtem Saitenzupfen.
Das kennt man noch aus der Zeit großer deutscher Liedermacher, das erinnert
an Kabarettisten in kleinen Szenetheatern. Anekdoten über Irland, allerlei
Wissenswertes und unmerklich zugleich Hinleitung zum ersten Song: Fiddlers
Green. Der vertraute irische Klang lockert die Atmosphäre, erste Füße
wippen im Takt. Dazwischen Einlagen aus Sprechgesang, Landau wird gar
charmant und füttert sein Publikum mit Privatimem; die in den Witzen genannten
geografischen Namen wechseln wohl mit dem Veranstaltungsort.
Zur ersten Lesung nimmt Landau Platz am schwarzen Tisch. Die Manuskriptblätter
rascheln, während im Auditorium die letzen Buffetbissen von Plastikgabeln
gezogen werden. Noch immer fliegen im Hintergrund die Basketbälle, ab
und zu wettern es dumpf gegen die Sporthallentür, da fällt es ein wenig
schwer, sich von Landau in seine irische Landschaft aus wohlklingenden
Worten hineinziehen zu lassen. Ein Reisebericht, persönlicher Ton, bekennerhaftes
Erzähler-Ich, was gäbe es anderes zu bekennen als die Liebe zu diesem
Land? “War das von Böll?” fragt ein älterer Zuhörer hinterher. “Ach so,
selbstgemacht?” Selbstgemacht sind auch die amüsierten Erinnerungen an
Konzerte und Künstlerpech, die gutmütigen Gags über die Verzwicktheiten
des Alltags, eines bundesdeutschen wohlgemerkt, durch den jedoch immer
wieder die Zuneigung zum Grünen Eiland hindurchschimmert. Unmerklich schließt
sich eine Lektion irischer Historie an, der Osteraufstand 1916, die Erschießungen
im Kasernenhof, und unversehens klingt ein ernsterer Ton an. Foggy Dew
handelt von diesen Ereignissen, Landau singt hingegeben mit geschlossenen
Augen, so sieht er wenigstens nicht die beiden Damen, die sich mit Rotweingläsern
in Händen auf ihre Plätze zurückdrängeln. Die Köpfe sind nun schiefgelegt,
man richtet sich ein zu intensivem Zuhören, und man tut gut daran. Die
Wucht der Saitenschläge, als die Rebellen exekutiert werden, rüttelt auf,
macht mich sogar beim Schreiben ganz wuschig. Irland berührt, spätestens
jetzt.
Da fühlt man sich schon zuhause, wenn Landau von Clare spricht und richtigstellt,
daß es sich dabei nicht um eine Frau handle. “Als ich zum erstenmal in
Clare war, vor fünfzehn Jahren ... ” Ja, fragt man sich mit dem Sänger:
Wo ist das oft beschworene grüne Irland? Wo begegnet man den urigen Autochthonen,
den Iren aus dem Reiseprospekt? Landau erinnert sich an eine solche Begegnung,
imitiert trefflich das harte irische Englisch, den Brogue, erntet Gelächter.
Das folgende Lied darf dann auch die Schönheit der Cliffs of Dooneen besingen.
Eine kurze Skizze aus den Reiseaufzeichnungen lüftet das meteorologische
Geheimnis Irlands, und während Landau - wieder auf Streifzügen durch die
Historie - vom Beginn englischer Unterdrückung erzählt, greift er verheißungsvoll
zur Bodhrán. Ein schönes Stück, die Initiale “K” in bunter Book-of-Kells-Ornamentik
auf das Fell gemalt, ein ans Herz gewachsenes Instrument, das merkt man.
Trotz der sportlichen Hintergrundaktivität nimmt Landaus Akapella-Gesang
gefangen. Andächtige Stille herrscht. Hier hebt eine original irische
Stimme an, scheint es. Die Trommel dröhnt monoton, in den Ohren, im Magen,
Landaus beschwörender Vortrag von After the Rain zaubert sakrale Ehrfurcht
in die nüchteren Aula. Zwar werden schon manche Augenlider schwer, doch
das furiose Finale reißt jeden mit, konsequent steigern sich die wechselnden
Bodhrán-Töne vom Marschtritt zum kämpferischen Schlachtenwirbel und enden
in betäubender Stille. Applaus, anerkennend nickt man einander zu. Erinnerungen
an eigene Irland-Aufenthalte werden wach - “Wie hoißt denn die Stodt,
wo’s so gräncht hot?” - in denen man während der anschließenden Pause
ausgiebig schwelgen kann.
Im zweiten Teil kommt die Lyrik zum Zug. Dazu jubilieren draußen im dunklen
Maiabend die Amseln. Manche Zuhörer schließen die Augen, ob aus Erschöpfung
oder intensivem Genuß ist schwer zu sagen. Lyrik ist halt immer ein Prüfstein.
Dennoch fallen einige Begriffe, die aufhorchen lassen, die den religiösen
Hintergrund Landaus andeuten und das bisher Erlebte und Gehörte unvermutet
in einen weiteren Horizont stellen - einen lichtvollen Horizont, der Landaus
Liebe zu Irland einen humanitären Ton verleiht. Mit allen Sinnen erlebbar:
die ernsthaft-versonnene Muße irischer Augenblicke, die humorvoll-innige
Lebenslust, eingefangen in Momenten lyrischen Selbstgesprächs. Im Stichwort
“Abhängen” des Gedichts Süßes Leben entfaltet sich das ganze Künstlergemüt
und dessen Botschaft: Auch hier und heute dürfen, sollen wir abhängen!
Ob zur beschaulichen Erzählerstimme oder zu den lässigen Takten von Nach
Mayo - Landau nimmt uns hinein in jene augenzwinkernde ars vivendi und
jene Lässigkeit zwischen großherziger Ironie und schelmischem Übermut,
die schon nicht mehr bloß irisch, die schon Landaus eigene ist. Irland
ist das Land der Helden, gewiß, aber Landau propagiert das allgemeine
Heldentum: Wir alle, hier und heute, sind Helden, Helden des Alltags,
Reihenhaus- parzivale, VHS-Robin-Hoods, kämpfend gegen Ungerechtigkeit
und auf der Suche nach Wahrheit, die beide niemals banal sind. Ebensowenig
wie es irische Trinklieder sind, von denen wir nun das bekannteste zu
hören bekommen, obwohl, wie Landau glaubhaft versichert, er es noch in
keinem irischen Pub gehört hat. Der Vortrag wimmelt von spitzbübischen
Bemerkungen, und Landau scheut sich nicht, mitten im Lied vom Gitarrengeschrammel
innezuhalten und auf den dramatischen Klimax der Handlung hinzuweisen,
schalkhaft und jetzt mit unverkennbar schwäbischem Akzent. Beim zweiten
Trinklied lassen sich die Gäste endlich zum Mitklatschen animieren, so
etwas wie Stimmung kommt auf, auch wenn man von spontanen Tanzdarbietungen
oder unbeherrschten Freudenrufen weit entfernt ist.
Der letzte vormitternächtliche Schlummer ist vertrieben. Ein paar Worte
zu irischen Pubs, dem Inbegriff der Behaglichkeit, dann der Song Fields
of Athenry, der uns lauten Applaus und ein leises, zum Nebensitzer gerauntes
“Schööön!” entlockt. Im anschließend gelesenen Reisebericht tauchen pittoreske
Brocken Irisch auf und preisen den unvergeßlichen, unvergleichlichen Geruch
brennenden Torfs. Eine leutselige Feierlichkeit, eine nachdenkliche Vergnügtheit
breitet sich aus. Der Abend steuert auf sein Ende zu, draußen wartet der
Heimweg in Stille und Duft. Zum letzten Lied steht Landau auf. Er hält
die Bodhrán in der Hand, hebt an mit geschlossenen Augen, legt alle Inständigkeit
in den wehmütigen Gesang: Spancill Hill. Alle Anspannung ist von ihm abgefallen,
seine Lässigkeit hat sich in Ruhe verwandelt, er ist plötzlich allein
mit sich und den Empfindungen, die das Lied weckt. Für sich allein singt
er es oder für alle, für jeden, der hierhergekommen ist, um wahrhaft zu
hören. Die Eindringlichkeit des Gesangs haucht dem Abend ein wenig Mystik,
einen “letzten Atem Westwind”, wenn man so will. Und dann erhebt zum letzten
Mal die Bodhrán ihre Sturmstimme, explodiert zu einem fast beklemmenden
Tanz wirbelnder Schläge, Landau gibt alles, was er noch zu geben hat,
legt allen irischen Zorn, alles Pathos, alle Hoffnung und allen Glauben
in sein virtuoses Trommelfeuer - und das Konzert ist zu Ende.
Tosender Beifall, Pfiffe, Schreie.
Zwei Zugaben.
Die Veranstaltungsleiterin befragt ihn begeistert und erstaunt von seiner
Authentizität. “Sind Sie die Hälfte Ihres Lebens in Irland, daß Sie so
irisch denken und fühlen?” Ja, würde man jetzt gerne antworten: Ja, er
ist ein Barde. Ein moderner. Ein irischer. Ein deutscher in dürftiger
Zeit, in der man sie wieder braucht: die Erzähler und Sänger des wunderhaften
alltäglichen Lebens.
Es ist Viertel vor zehn. Trotz des verspäteten Beginns sind fast alle
Besucher bis jetzt geblieben, und ungeachtet aller außergewöhnlichen Umstände
zweifle ich nicht daran, daß dieses Konzert hinsichtlich Wert und Wirkung
ein durchaus gewöhnliches: ein typisches Klaus Landau-Konzert war.
Rainer Gross, Freier Publizist
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